Steckerlfisch & Co.

Der Donnerstag ist für mich zu einem der schwierigsten Tage der Woche geworden. Eigentlich sollte ich mich auf den Donnerstag freuen, denn da ist Wochenmarkt auf dem Breslauer Platz, da kann man leckere Sachen fürs Abendessen kaufen…
Und haargenau da beginnt mein Problem, denn vor das Abendessen haben die Götter der kulinarischen Tageseinteilung das Mittagessen gesetzt. Und da werde ich donnerstags von zwei verlockenden Alternativen zermalmt, als befände ich mich zwischen Skylla und Charybdis. Zum einen zieht es mich zu Barbaras Kaffeetafel, wo es die besten handgemachten Maultaschen und einen grandiosen schwäbischen Kartoffelsalat gibt, zum anderen gibt’s hier am Donnerstag Steckerlfisch. Oh, mein Gott, Steckerlfisch!
Den hab ich kennengelernt, als ich in München die Biergärten und das Schwabinger Nachtleben erforschte an der Ludwig-Maximilians-Universität studierte, da war der Steckerlfisch meine Lieblingsdiät in  den Biergärten der Stadt. Eine große, gegrillte Makrele, vielleicht noch eine Brez’n und ein schönes, kaltes Bier… dieser Dreiklang brachte mich seinerzeit verlässlich in den kulinarischen Himmel. Und ich hab es immer bedauert, dass dem Steckerlfisch keine nationale Karriere gelungen und er eine lokale Berühmtheit geblieben ist. Verläßlich findet man ihn nach wie vor nur in bayrischen Biergärten. Und donnerstags auf dem Markt am Breslauer Platz, am Stand von „Steckerlfisch und Co.“
Da ruft einem ein freundlicher Mensch „Ich freue mich, dass sie da sind!“ entgegen, und dann kann man sich seinen Steckerlfisch aussuchen. Neben den fetten, aromatischen Makrelen werden auch Forellen angeboten, und für diejenigen, die den (insbesondere bei der Makrele sehr unproblematischen) Kampf mit den Gräten nicht aufnehmen wollen, werden auch Filets in die Grillkörbe gepackt. Dazu gibt’s eine selbstgemachte, ziemlich Dill-lastige Remoulade und auf Wunsch gehackte Zwiebeln. Und das alles für sagenhafte 5,50 Euro.
Da kann ich selten widerstehen. Da könnte ich nie widerstehen, wenn nebenan nicht noch diese Maultaschen wären. Verfluchte Donnerstage!

Steckerlfisch & Co.
Winterfeldtstr. 5,
Berlin

030 23621277

www.steckerlfisch.com/

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Paprikant

Warum geht man in ein Restaurant? Dumme Frage. Um den Hunger zu stillen, den Durst zu löschen, andere Menschen zu treffen, natürlich.
Und dann gibt es noch einige wenige Lokale, die man aufsucht, weil man sich einfach ein paar Stunden lang wohlfühlen möchte. Das Paprikant ist eine dieser Wohlfühl-Oasen, die man für einen abendlichen Kurzurlaub nutzen kann. Hier, am Sophie-Charlotte-Platz geht die Reise nach Ungarn.
Das fängt an mit der charmanten Dialektfärbung, in der man herzlich begrüßt wird, das geht weiter mit einer Karte, auf der zahlreiche ungarische Weine offen und zu bezahlbaren Preisen angeboten werden, und das hört mit den ungarischen Gerichten auf der Speisekarte noch lange nicht auf!
Wir probierten zur Vorspeise die kalt servierte gebratene Gänseleber, ein üppiger Genuß, mit prima Graubrot serviert. Dazu hätte ich einen offenen Tokajer trinken sollen, aber da hatte ich schon einen trockenen Riesling bestellt. Nächstesmal!
Der Riesling passte jedenfalls ausgezeichnet zur Fischsuppe mit Zander, die kräftig mit Paprika (aus Ungarn importiert, nicht zu vergleichen mit deutscher Supermarktware) gewürzt war. Ebenfalls empfehlenswert das köstliche Letscho (gibt’s vegetarisch oder mit Speck & Wurst), der Rinderbraten mit Stachelbeersauce und ein üppiger, überaus großzügig portionierter traditioneller Kohlauflauf (war die Empfehlung des Abends, stand nicht auf der Karte). Süßmäuler halten sich an den Gundelpalatschinken zumm Nachtisch.
Das ist rustikale, deftige Familienküche, das hat geschmeckt, da fühlte man sich wohl, und so blieben wir viel länger hocken, als wir vorhatten. Die ein oder andere Rotweinflasche wurde noch geköpft (Erlauer Stierblut, empfehlenswert), und auch der vom Wirt empfohlene Birnenbrand musste probiert werden.
Überhaupt: die Empfehlungen des Wirts. Der Mann ist ein leidenschaftlicher Verfechter der ungarischen Küche, dem hört man – nicht nur wegen der charmanten ungarischen Sprachmelodie – gerne zu, und man sollte auf seine Empfehlungen hören. Das Paprikant ist ein Familienbetrieb, und wie in jeder Familie läuft nicht immer alles rund. Kleinere Pannen wurden jedoch souverän und charmant wieder gut gemacht, das tat der Stimmung an diesem rundum gelungenen Abend keinen Abbruch.
Wir haben uns wohl gefühlt, wir werden uns bald wieder dort wohl fühlen.

Nachtrag September 2009: Leider werden wir uns dort wohl nicht mehr wohl fühlen können, denn das Paprikant ist geschlossen. Ach ja.

Ungarisches Restaurant Paprikant
Kaiserdamm 118
14057 Berlin
030 33937683

www.paprikant.com

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Wir müssen wieder mehr werden

Ich glaube, es war Joachim Król, der vor ein paar Jahren in einer Alfredissimo-Folge von Dreharbeiten in Wien erzählte, während denen ihm plötzlich klar wurde, dass Kellner mal ein Lehrberuf war. Und wie wunderbar es ist, von einem Kellner betreut zu werden,  der diesen Beruf beherrscht und liebt.
Dem ist wenig hinzuzufügen. Die im Service eines Lokals tätigen Menschen sind hauptverantwortlich für das Ge- oder Misslingen eines Abends. Ein schlechter Kellner kann einen Sterne-Koch auf Imbiss-Niveau runterrocken, ein guter Kellner kann einen Gummi-Adler wie ein Poulet de Bresse servieren. Um Himmelswillen, ich weiß nicht mehr, wie damals der Koch im L’Etoile in der Großbeerenstraße hieß, aber die wunderbaren Gespräche mit Serge  sind mir immer noch präsent, als hätte er mir erst gestern die Speisekarte in die Hand gedrückt. Nichts gegen die Kochkunst von Dieter Kaldewey damals im alten Riehmer’s, aber ohne Lottis Herzlichkeit oder den staubtrockenen Humor Silvanas hätten niemals so viele Menschen den Weg in die  Hagelberger Straße gefunden.
Die Menschen im Service  sind nicht nur die wahren Helden der Gastronomie, sie sind das, was  deutsche Blogs gerne wären: kulturelle Aggregatoren, die sich durch den steten Austausch mit ihren halbgebildeten Stammgästen zu beredten Universalgenies fortgebildet haben.
Lokalreporter Gerald Angerer hat zwei Prachtexemplare dieser Kellner-Species aufgetan und mit ihnen eine Videoserie gedreht. Er lässt Peer Martiny und Michael Egger im Restaurant Cantamaggio vor der Kamera über Gastronomie und die Welt, über Gott und Gäste daher schwadronieren, dass es die reine Freude ist.

Tatsächlich. Kellner wie die beiden müssen unbedingt wieder mehr werden. In der Gastronomie und überall. Kleine Videos, aber ganz großes Kino. Macht Spaß.

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Lindemann’s Hotel

Hier fahren wir regelmäßig mit dem Bus vorbei, wenn wir vom Büro nach Hause streben. Und von außen sieht die Lobby des Hotels mit Bar und Lounge, wo auch gefrühstückt wird, wirklich gut aus. Sehr modern und kantig in schwarz und weiß gehalten, das macht neugierig, das möchte man sich gern näher anschauen. Also mal die Website des Hauses angesteuert, sieh da, auch Nicht-Hotelgäste können dort frühstücken, für bezahlbare 11 Euro pro Nase… das probieren wir doch mal aus!
In der Tat sieht die Lobby/Bar/Frühstücksraum von innen so gut aus wie von außen. Und die auf den ersten Blick seeehr eckigen Sessel sind deutlich bequemer, als sie aussehen. Im Service arbeiten genug Menschen, um auch mit einem größeren Gästeansturm fertig zu werden, und diese Menschen sind höflich, professionell und außergewöhnlich fix. So gut geschulte Mitarbeiter findet man nicht in allen Berliner Hotels!
Leider setzt Ernüchterung ein, wenn man das Frühstücksbuffet aufsucht. Das Rührei im Chafer war fade und ungewürzt, als käme es ohne Umwege aus dem Tetra-Pack, als Beilage feierten ausgerechnet Cocktail-Würstchen ein bizarres Comeback und auch die anderen Angebote konnten nicht wirklich überzeugen. Beim Aufschnitt glänzte der rohe Schinken nicht appetitlich, sondern durch Abwesenheit, bei den Cerealien vermisste man ausgerechnet die klassische Haferflocke… alles kein Beinbruch, aber alles auch ein bißchen uninspiriert. Solides Hotelfrühstück, mit dem man sich fürs Sightseeing oder einen langen Verhandlungstag stärken kann, mehr nicht. Aber auch nicht weniger.
Zum „auswärts Frühstücken“ gibt es in Berlin sicher attraktivere Lokale, aber das Hotel an sich hat eine ganz angenehm zentrale Lage, die Zimmerpreise sind gelegentlich sehr günstig (werden tagesaktuell auf der Website angezeigt), vielleicht ist es ja eine Alternative für Berlin-Besucher. Die Schwarz-Weiß mögen und sich nicht an Deppen-Begriffen wie „Lifestyle Pluszimmer“ stören.

Potsdamer Straße 171-173
10783 Berlin

030 5268540

www.lindemanns-hotel.de

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Riehmer’s

Ein absolut empfehlenswerter gehobener Österreicher in Riehmer’s Hofgarten. Hier gibt’s nicht nur perfekt zubereitete östereichische Klassiker wie Kasnocken, Wiener Schnitzel, Gulyas etc., nein, die Küche hat auch Ehrgeiz und Ambition, sodass man sich auch Dinge wie „Medaillons vom Maibock auf Preiselbeere – Ginsauce, dazu Spargelragout und Rotkraut im Studelteigblatt“ schmecken lassen kann. Täglich wird auch ein preiswertes Drei(oder Vier-)-Gang-Menü mit oder ohne Weinbegleitung angeboten, bei gutem Wetter kann man im herrlichen Garten sitzen und die ausgezeichneten österreichischen Weine genießen. Hausherr Emerson Obojes sorgt für eine lockere Atmosphäre. Da bleibt man nach dem Essen gern noch etwas hocken.

Update April 2009: Nach unziemlich langer Zeit (nein, ich sage nicht, wie lange wir nicht da waren) haben wir heute endlich mal wieder im Riehmer’s gegessen.  Oha, der Laden hat gewaltig zugelegt. Nein, falsch, das ist kein  Laden mehr, das ist jetzt ein Kleinod. Die Räume wurden geschmackvoll und diskret veredelt, ohne ihnen den ursprünglichen Charakter zu nehmen, an den Plätzen an der frischen Luft atmet man seit jeher die einmalige Atmosphäre von Riehmers Hofgarten, die Weinkarte  arbeitet sich langsam an enzyklopädische Ausmaße heran und bietet einen mit großer Kennerschaft zusammengestellten und für Berlin sehr fair bepreisten Überblick über das österreichische Weinspektrum, und die Küche… ach, die wunderbare Küche! Tiroler Blunzengeröstl, Leberknödelsuppe, Stubenküken und Tafelspitz verschwanden in unseren gierigen Schlünden… feine bürgerliche k.u.k. Küche, schönstes Sonntagsessen, genauso wie wir es mögen!
Der Laden Dieses ausgezeichnete Restaurant wird erneut empfohlen, mit größter Nachdrücklichkeit!

Riehmer’s
Hagelberger Str. 9

10965 Berlin
030 78891980

www.riehmers.at

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Worscht with a View

Man kann gegen Nordhessen und seine nordhessischen Bewohner vieles sagen, was man will, aber zwei Dinge gibt es im Werratal, die wahrhaft unvergleichlich sind: die märchenhaft schöne Landschaft und die Ahle Worscht, eine luftgetrocknete Mettwurst von außergewöhnlicher Delikatesse. Vor einiger Zeit entdeckte ich einen Ort, der beides – Landschaft und Wurst – nachgerade magisch miteinander vermählt: die Brettljause am Schwalbenthal.

Die Brettljause liegt am Hohen Meißner, auf einer Terrasse vor der – zur Zeit in Renovierung befindlichen – Traditionsgaststätte Schwalbenthal.
Und die Brettljause ist eigentlich nur eine kleine Hütte mit einem kleinen Biergarten.

Doch wenn man sich auf einer der Bänke niedergelassen hat, und runter ins Werratal guckt …

… und der nette Herr aus der Hütte dann eine großzügige Portion Ahle Worscht aus Hausschlachtung (!) von absolut überirdischer Qualität vor einen hinstellt …

… dann ist man mit sich, mit der Welt und sogar mit den nordhessischen Klotzköppen derart im Reinen, dass es einem die Tränen in die Augen treibt. Ab sofort gehört die “Brettljausen” (im Sommer nur Samstags und Sonntags geöffnet) zum Pflichtprogramm bei Heimatbesuchen.

Brettljause am  Schwalbenthal
Schwalbenthaler Str.
Meißner

www.ski-kohl.de/html/schwalben…

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Gasthaus zur Dankbarkeit

Die Dankbarkeit ist (nicht nur) mein Lieblings-Gasthaus. Vielleicht liegt’s an der langen Vorfreude, die einem Besuch der Dankbarkeit vorausgeht. Denn die Dankbarkeit liegt in Podersdorf am Neusiedlersee, wo die geduldigste Gemahlin von allen und ich einmal im Jahr Urlaub machen. Und da kann die Vorfreude auf den nächsten Dankbarkeitsbesuch schon einmal 50 Wochen dauern. Aber irgendwann stehen wir dann doch wieder vor der Eingangstür.
Da bleiben wir jedoch nicht lange stehen, sondern grüßen freundlich in den Schankraum mit dem Tresen hinein, wo die Podersdorfer sitzen, lassen bei schönem Wetter die Stube rechts liegen und eilen durch den langen Gang in den wunderbaren, einmaligen, schattigen Gastgarten. Da kommt auch schon der Wirt, Herr Lentsch, mit seinen charakteristisch kurzen, eiligen Schritten auf uns zu, begrüßt uns, als wären wir eine Woche und nicht ein Jahr lang weg gewesen, bringt uns an unseren Tisch und teilt die Karten aus. Dann sitzen wir erst einmal einen Moment da, atmen durch und schauen uns fröhlich in die Augen: „Was geht’s uns gut!“
Wieso geht’s uns in der Dankbarkeit so gut? Wieso geht’s uns in der Dankbarkeit besser als anderswo? Liegts an der verfeinerten burgenländischen Küche mit der jiddischen Hühnerleberpastete, der Paprika-Fischsuppe, dem „Gekochten vom grauen Steppenrind“, den Spezialitäten vom Mangalitzaschwein und den sündhaften Somloer Nockerln? Ist es die umfangreiche Weinkarte, auf der der Fan pannonischer Weinkultur nichts vermissen kann? Ist es der von Jahr zu Jahr immer besser werdende Hauswein, den Herr Lentsch für selbstmörderische 12 bis 15 Euro pro Flasche im Restaurant anbietet?
Natürlich tragen all diese Dinge wesentlich zu unserem Wohlbefinden bei, aber der eigentliche Faktor, warum es uns beim Lentsch so gut geht, ist der Lentsch selber. Es ist einfach die reine Freude, bei diesem Urbild eines Wirts, diesem besessenen Gastronom aus Leidenschaft Gast sein zu dürfen. Mitzuerleben, wie dieser Mann auflebt, wenn es seinen Gästen schmeckt und sie sich wohl fühlen, ist schon die halbe Miete in der Dankbarkeit.

Die wahre Qualität eines Wirts erweist sich aber, wenn ein Gast sich daneben benimmt. Wie wird er reagieren, wie wird er diese heikle Situation meistern? In diesem Sommer war ausgerechnet ich es, der Herrn Lentsch in dieser Hinsicht auf die Probe stellte. Ich hatte mein Handy, das eh schon tagelang nicht geklingelt hatte, nicht ausgeschaltet. Wer sollte mich denn schon im Urlaub am Montag abend anrufen? Und dann kam es, wie es kommen musste: Gerade als Herr Lentsch uns den Wein an den Tisch brachte, klingelte mein Handy. Und mein Handy klingelt nicht einfach, es spielt die entscheidenden Minuten des WM-Finales 1954 ab. „Aus dem Hintergrund müßte Rahn schießen… Rahn schießt… Tor! Tor! Tor!“ donnerte Herbert Zimmermann durch den eben noch beschaulichen Gastgarten, während ich mit fliegenden Fingern versuchte, den Störenfried auszuschalten. Herr Lentsch zuckte mit keiner Wimper, entkorkte den Wein und sagte, während er mir den Probierschluck einschenkte, verschwörerisch zwinkernd: „I wer’ narrisch!
Da ging’s uns wieder gut!

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L’Espérance

Wenn man eine große Stadt (oder gar eine Weltstadt) nur gelegentlich besucht, dann wäre es idiotisch, anlässlich dieser Besuche immer das gleiche Lokal aufzusuchen. Stammlokale sind ja zuhause gut, schön und sinnvoll aber in der Fremde ist es wesentlich reizvoller, sich tagtäglich auf Abenteuer- und Entdeckungsreise zu begeben. Warum fährt man denn weg? Doch gerade, weil man dem alltäglichen Trott entkommen will!
Noch idiotischer kann man sich nur verhalten, wenn man in der Fremde nicht nur das gleiche Lokal aufsucht,sondern immer auch das gleiche bestellt. Menschen, die so etwas tun, sind antriebslose kulinarische Dilettanten, die besser gar nicht erst verreisen sollten, weil sie sich in der Fremde sofort nach zu Hause sehnen.
Merkwürdigerweise gehen die geduldigste Gemahlin von allen und ich, wenn wir nach Paris fahren, immer zuerst ins Restaurant L’Espérance, und dort bestellen wir das, was wir immer bestellen: einmal Couscous Royal mit Lamm, einmal Couscous Mechoui (gibt’s nur Donnerstag, Samstag und Sonntag) sowie eine Flasche des roten Hausweins aus Algerien.
Wenn man einmal den Couscous im L’Espérance gekostet hat, wird man uns verstehen. Der Couscous-Gries, den sie hier servieren, hat ein herrlich nussiges Aroma und hat eine dermaßen fluffige Konsistenz, dass derjenige, der ihn zum ersten Mal gekostet hat, auf ewig für alle „Instant-Couscous“-Varianten (einfach heißes Wasser drauf kippen) verloren ist. Der traditionelle Gemüse-Sud ist leicht säuerlich und damit appetitanregend, was auch bitter nötig ist, den im L’Espérance glaubt man an üppige Garnituren. „Royal mit Lamm“ beinhaltet zwei Merguez, ein Hühnerbein, eine Beinscheibe vom Rind sowie einen gegrillten Lammfleisch-Spieß.
„Um Himmelswillen, da werden ja zwei von satt“, ruft da der Laie aus. Mag ja sein, aber wir haben doch noch was bestellt. Mechoui, Lamm (manchmal Hammel! Ja, Hammel!) am Spieß gegrillt, knusprig, fettig, reichlich, ein Traum! Und dazu der saubere, ehrliche algerische Landwein…
Kommen wir zu den Preisen. Couscous zwischen 9 (vegetarisch) und 15 Euro (Royal tutti completti), die Flasche Wein für 10 Euro… Jaja, offensichtlich kalkuliert hier ein Wahnsinniger, und es kommt noch besser: hier gibt’s nicht nur Couscous, hier kann man auch die französischen Bistro-Klassiker von Andouillette bis Gigot dÀgneau genießen, das Dreigang-Menü für unglaubliche 11,50 Euro.
Kein Wunder, dass der Laden jeden Abend brechend voll ist, zumal sich vorne, im Bar-Bereich, die Menschen aus der Nachbarschaft treffen, ihren Pastis oder Vin Rouge trinken, miteinander klönen und Touristen wie uns auf das herzlichste begrüßen.
Wie eingangs gesagt: es ist idiotisch, in einer Weltstadt wie Paris immer das gleiche Lokal aufzusuchen. Es sei denn, es ist das L’Espérance. Dann ist es logisch.

L’Espérance
9 rue de l’Espérance
75013 Paris
033 1 45 80 22 55

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Brigantino

Was für eine schöne Entdeckung! Da hatten wir uns nach einem langen Arbeitstag noch zum Kopierladen in die Rheinstraße geschleppt. Und als kopiert war, was zu kopieren war, und gebunden war, was zu binden war, da guckten wir uns tief in die Augen und sagten uns das, was Menschen, die  sich seit Jahren kennen und in Innigkeit zugetan sind, in solchen Momenten eben sagen: Wir haben Hunger!
Nach langen Tagen zieht es uns oft zum Italiener, den wo kann man besser entspannen als bei diesen Kennern  der heiteren, gelassenen Lebensart? Schnell spulten wir im Geiste unsere „üblichen Verdächtigen“ durch,  doch dann sahen wir, dass wir direkt vor dem „Brigantino“ standen, gewahrten Tafeln mit tagesaktuellen Gerichten zu bezahlbaren Preisen, blickten neugierig durchs Fenster und sahen ein gut gefülltes Lokal, in dem fröhliche Menschen es sich gut gehen ließen…
Warum denn nicht mal einen neuen Italiener ausprobieren? Schon saßen wir drin und fühlten uns wohl. Der bestens gelaunte Wirt brachte die Karte, stellte Oliven und Bruschetta mit einem Augenzwinkern und den Worten „Hier, ein bisschen Schnickschnack!“ vor uns hin und lachte herzlich über meine einfältigen Witze – ganz  offensichtlich ein Gastronom der alten Schule! Voller Freude beschlossen wir, uns zur Vorspeise ein Schwertfisch-Carpaccio zu teilen und anschließend – selbstverständlich nur auf  dem Teller! – getrennte Wege zu beschreiten. Die geduldigste Gemahlin von allen fröhnte ihrer Pizzaleidenschaft (Salami), ich hatte  frittierte  Sardinen auf der Karte erspäht, denen ich selten bis nie wiederstehen kann. Dazu ein offener Weißer und ein offener Rosé, gottseidank durststillend in Viertelliter-Karaffen serviert… hier kann man’s doch aushalten!
Das Schwertfisch-Carpaccio war… wie heißt comme-il-faut eigentlich auf italienisch? Egal, so war es jedenfalls. Und  kaum hatten wir es verputzt und den Teller mit leckerem Weißbrot saubergewischt, kamen auch schon die Hauptgerichte. Die Pizza war sündhaft sanft, die krossen Sardinen kamen mit einem Häuflein Rucola und schmeckten so sehr nach Mittelmeer, Sehnsucht und Sommernacht, dass ich noch einen Weißwein ordern musste. Um uns herum  summten und brummten die Gespräche, es wurde gelacht, getratscht, geprostet… ist ja tatsächlich wie in Italien hier!

Rheinstr. 53
12161 Berlin
030 8514383

www.brigantino.de

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Taverna Apollon

Eigentlich ist die Taverna Apollon ein stinknormaler, recht angenehmer Um-die-Ecke-Grieche. Man kommt rein, die Bedienung bringt etwas namens “Aperitif aufs Haus” (quietschbunt, schmeckt leider, wie es aussieht), man ordert die üblichen Verdächtigen wie Taramas, Tzaziki, Souvlaki, Klassische-Sagen-des-Altertums-Platte, trinkt ein Bier oder einen Retsina, bekommt einen Ouzo aufs Haus, zahlt, und geht in dem Bewusstsein, schon mal besser, aber auch schon mal deutlich schlechter gegessen zu haben. Eher angenehm, eher unspektakulär, genau das, was man in Tempelhof um die Ecke erwartet.
Deutlich angenehmer und ein wenig spektakulärer wird der Besuch der Taverna Apollon, wenn der Seniorchef Dienst hat. Der Seniorchef glaubt nicht an “Aperitif aufs Haus”. Der Seniorchef glaubt an “Ouzo aufs Haus”. In rauhen Mengen. Ouzo als Aperitif, Ouzo als Digestif, und zwischen den Gängen ein, zwei Ouzo zur Entlastung des Gaumens… warum denn nicht! Ein Abend, an dem man sich vom Seniorchef umsorgen lässt, kann sehr lustig werden. Wenn man Ouzo mag.

Taverna Apollon
Dudenstr. 15
10965 Berlin

030 7850676

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