Curry 36

Das Problem mit der Currywurst ist, ist, dass Sie eher ein industriell gefertigtes Nahrungsmittel denn eine lokale Spezialität ist. Um eine Currywurst zuzubereiten, brät man eine Brühwurst aus der Fabrik (mit Darm oder ohne Darm, ist ein Glaubenskrieg, mir isses – Obacht, Wortwitz! – wurscht! Hahahaha!), schneidet die klein, kippt Ketchup und Curry drüber, fertig. Man sieht, die Eingreifmöglichkeiten des Imbisskochs sind bei der Currywurst-Zubereitung durchaus begrenzt und – vermutlich – auch nicht gefragt. Sonst gäbe es doch schon einen Imbiss, in dem eine vom Bio-Metzger handwerklich hergestellte Wurst gebraten, mit selbstgemachtem Tomatenketchup (kann wirklich ganz lecker sein) übergossen und mit einer speziellen Curry-Mischung (gerade da täten sich ja Welten auf) gewürzt wird. Spielen derartige Imbisse in den Diskussionen der Currywurst-Fans eine Rolle? Nein, die „handwerklich hergestellte“ Currywurst taucht höchstens mal als Gag in einem Menü der gehobenen Gastronomie auf, ansonsten heißen die Planeten des Berliner Currywurst-Universums Konnopke, Krasselt und Curry 36. Es scheint, als käme es nicht drauf an, ob eine Currywurst an einer Imbißbude „gut“ oder „schlecht“ ist, es kommt wohl eher drauf an, ob die Wurst mehrheitsfähig ist.
Ganz offensichtlich ist die Currywurst der „Curry 36“ mehrheitsfähig, bei der Menge, die hier tagtäglich über den Tresen gereicht wird, geht die Wurst der „Curry 36“ als echte Volkspartei-Wurst mit absoluter Mehrheit über die Ziellinie.
Auch das restliche Angebot lässt den Gastrometer in Mittelposition verharren: Buletten, Wiener, Bockwürste usw., das schmeckt alles nach solider Großhandelsware, nicht schlecht, aber auch nicht zum „Hosianna!“ schreien. Das ist ‘n Imbiss hier. Wenn du wie bei Muttern essen willst, geh zu Muttern, Alter!
Trotzdem brummt der Laden wie eine überforderte Endstufe bei einem Motörhead-Konzert. Woran liegt‘s? It‘s die Atmosphäre, stupid! Insbesondere in warmen Nächten ist hier Party angesagt: die Trinker aus dem benachbarten Bierexpress holen sich ihre Grundlage, Menschen aus aller Herren Ländern lassen sich‘s auf die preiswerte Art gut gehen und verwandeln das Trottoir des Mehringdamms in eine multikulturelle Begegnungsstätte der fettigen Art, und wegen der Preiswürdigkeit haben auch viele Jugendliche mit schmalem Geldbeutel diesen Imbiss zum Treffpunkt auserkoren.
Wer jedoch dem Berlin-Besuch mal eine „typische Berliner Currywurst-Bude“ zeigen will, sollte vielleicht eine andere Location aussuchen. Denn gerade am Abend, wenn die Leute in Dreierreihen anstehen, bestätigt die Curry 36 meine eingangs geäußerte These vom industrialisierten Nahrungsmittel. Hier werden von einem eingespielten Team im Sekundentakt die Würste rausgehauen, die Logistik, die hinter diesem Betrieb steht, wie hochspezialisierte Pommfriteure und Wurstzuschneider der jeweiligen Salesperson zuarbeiten, das ist durchaus beeindruckend, aber mit der berüchtigten „Ickedettekiekemal, jetznerichtijeBalinaCurrywurst“-Romantik hat dieser Laden endgültig nix mehr zu tun. 3 fürs Essen, 4 für Kult, zusammen 4.

Curry 36
Mehringdamm 36
10961 Berlin

www.curry36.de

Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert